Grußwort

Liebe Studierende und Interessenten der Medieninformatik,
die vergangenen Wochen waren für (angehende) Medieninformatiker/innen sehr wichtig. Nicht nur gesehen als herausforderndes Semester mit Prüfungen, sondern auch als Zeit bedeutsamer Wirkungen moderner interaktiver Medien. Dies gilt beispielsweise für die breite öffentliche Wahrnehmung der Möglichkeiten und Risiken des Kopierens digitaler Inhalte als Zitat oder Plagiat, also dem Würdigen der Originalquelle oder dem Herstellen nebulöser Simulacra; gleichzeitig aber auch für die Nutzung von Suchmaschinen, die ein unredliches „Schmücken“ mit fremdem geistigem Eigentum schnell entlarven. Noch viel bedeutungsvoller war das Infragestellen, Umstürzen, Kollabieren und Neukonstruieren von veralteten und überkommenen Gesellschaften und Nationen mit Hilfe sozialer Medien.
Artikulation des Willens von Bürgern und vielleicht mehr „Basis“-Demokratie durch soziale Medien? Wer immer noch glaubt, das Internet sei ein Hype, hat nicht verstanden, welche Bedeutung Neue Medien für Kulturen immer hatten und verstärkt haben werden. Das Transformieren eines Neuen Mediums in ein Kulturmedium geht manchmal evolutionär, manchmal im wahrsten Sinne des Wortes revolutionär vor sich. Gerade Informatiker und Informatikerinnen sind gefragt, die Möglichkeiten und Grenzen digitaler Medien sowie ihre Wirkungen auf Individuen, soziale Gruppen und ganze Gesellschaften zu sehen, zu verstehen und in der Weiterentwicklung der Technologien zu berücksichtigen.
Seit Jahren haben wir am IMIS, neben technischen informatischen Inhalten, gerade auch die individual- und sozialpsychologischen, wie auch die soziologischen Fragenstellungen behandelt. Im nächsten Wintersemester wird es im Master auch wieder die Vorlesung „Soziologie vernetzter Medien“ geben. Wir bilden an unserer Universität keine Nerds aus, sondern kulturell sensitive und gebildete Informatikerinnen und Informatiker. Deshalb war das IMIS Anfang des Jahres auch Mitbegründer des neuen „Zentrums für Kulturwissenschaftliche Forschungen Lübeck“ (ZKFL) an unserer Universität. Medieninformatik verbindet in dieser kulturwissenschaftlichen Denkweise mathematische, ingenieurwissenschaftliche, naturwissenschaftliche, sozialwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Fragestellungen und schafft, wie die Erfahrung zeigt, ganzheitlich denkende und stark gefragte Absolventinnen und Absolventen.
Mit den besten Grüßen
Ihr
– Prof. Dr. Michael Herczeg
Praxisbericht von Torsten Krohn

Nach meinem Abschluss als Medieninformatiker am IMIS arbeitete ich gut zwei Jahre für das mittelständische Consulting-Unternehmen itemis mit Standorten in Kiel, Hamburg, Dortmund und Stuttgart. Die Firma hat sich auf modellgetriebene Software-Entwicklung (MDSD) spezialisiert und unterhält ein Team von Programmierern, das sich ausschließlich um die Weiterentwicklung des Open-Source-Frameworks Xtext kümmert.
MDSD vereinfacht dem Entwickler mit Hilfe domänenspezifischer Sprachen das Arbeitsleben, und ich lernte viele Best Practices und Patterns kennen, doch der Kontakt zum Endnutzer und seinem Frontend stand weniger im Vordergrund. Deshalb wechselte ich Anfang 2010 zum Berliner Startup townster.de.
Townster ist ein Empfehlungsportal für Veranstaltungen und Orte, das sowohl als Website als auch mit Smartphone-Apps wie iPhone und Android ansteuerbar ist. Ziel ist es, die Aufgabe der aufwendigen, zeitintensiven Suche von persönlich interessanten Veranstaltungen und Orten zu übernehmen. Dass so viele Leute die Facebook-Plattform benutzen, hilft uns, Empfehlungen zu generieren. Nachdem der Nutzer es uns erlaubt, seinen Account mit dem von Facebook zu verbinden, können wir anhand der Profildaten auf gewünschte Orte und Veranstaltungen schließen. Auch die Interpreten aus dem iPod lassen sich schnell auslesen und so mit einem Klick personalisierte Konzertempfehlungen bereitstellen.
Wir sind ein junges, hochmotiviertes Team von zwölf Leuten. Das schönste am Startup-Charakter von Townster ist, dass man machen kann, woran man glaubt, und sein Arbeitsumfeld selbst gestalten kann. Seit Oktober 2010 bin ich zusammen mit meiner Kollegin Tina Dingel Geschäftsführer von Townster. Sie kümmert sich um Content, Marketing und Vertrieb, ich kümmere mich um die Technik, und die Produktentwicklung teilen wir uns. Unser kleines, aber feines Entwicklerteam zu leiten, Technikentscheidungen zu treffen und „to scratch your own itch“ betreiben zu können, gibt der täglichen Arbeit Substanz und ist schließlich das, worauf man im Informatikstudium vorbereitet wird.
Viele Grüße an die Lübecker Uni, an Studenten und Mitarbeiter
– Torsten Krohn
Bildverwaltung mit PhotoSurface

Die Verwaltung großer Bildbestände ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit von Fotografen. Nach einem Fotoshooting müssen oft Hunderte von Bildern gesichtet und vorsortiert werden, um letztendlich nur eine kleine Auswahl der übriggebliebenen verschlagwortet und bewertet in die Datenbank zu übernehmen.
Ronny Jahn hat sich in seiner Bachelorarbeit mit diesem Problem befasst und sich der Frage angenommen, ob man diesen Prozess mit Hilfe neuer Technologien vereinfachen und beschleunigen kann. Dafür wurde die Multitouch-Applikation PhotoSurface entwickelt, mit der ein Fotograf seine Bilder in einer Übersicht betrachten und vergleichen kann. Durch die große Darstellungsfläche und die Möglichkeit, mit mehreren Händen gleichzeitig interagieren zu können, kann der Benutzer zügig seine Bibliothek durchsehen und nicht gewünschte Bilder aussortieren. Die Applikation unterstützt den gesamten Prozess vom Sichten, Vergleichen und Aussortieren bis zum Taggen, Bewerten und Betrachten und bietet dabei neue Interaktionsmöglichkeiten für den Fotografen.
PhotoSurface wurde mithilfe des Qt-Frameworks in C++ entwickelt, sodass es auf verschiedenen Plattformen lauffähig ist. Die Applikation bietet Fotografen einen neuen Ansatz, Vorarbeiten auf den Bildbeständen durchzuführen. Die neuen Interaktionsparadigmen beeinflussen den Arbeitsprozess und versuchen, diesen auf positive Art und Weise zu verändern.
Neues aus dem IMIS-Labor: Hermes

Im Rahmen des Praktikums „Interaktions- und Mediengestaltung“ wurde im vergangenen Semester die Anwendung Hermes entwickelt. Diese unterstützt den Benutzer bei der Verwaltung und Erstellung von Aufgabenlisten und bietet Erinnerungsfunktionen vor anstehenden Aufgaben und Terminen. Dabei ist es möglich, für jeden Eintrag mehrere Erinnerungszeitpunkte festzulegen.
Die Einträge in Hermes lassen sich sehr leicht erstellen, da die Anwendung Aufgaben und Termine in nahezu natürlicher Sprache entgegennimmt. So erkennt Hermes eine Formulierung wie „morgen um 4 Blumen kaufen wichtig“ und trägt sie in einem übersichtlichen Format in die bereits bestehende Liste als einen wichtigen Termin ein.
Das Besondere an Hermes ist die Anbindung an MATe (MATe for Awareness in Teams), welches im letzten Newsletter vorgestellt wurde. Dies unterscheidet Hermes von anderen bereits existierenden Aufgaben- und Terminverwaltungen. Damit wird es möglich sein, die Erinnerungen von Hermes genau auf den Kommunikationskanälen zu empfangen, die für den Nutzer in der jeweiligen Situation am geeignetsten sind. So erhält man in der Bahn eine Erinnerung via SMS, wohingegen beim Arbeiten am PC die Erinnerung via Instant Messaging erfolgen kann.
Die Anwendung wurde so realisiert, dass es in Zukunft möglich sein wird, durch Hermes zusätzliche Informationen über die Arbeitsbelastung des Nutzers dem MATe-System mitzuteilen. Wir freuen uns auf weitere Projektarbeiten im Kontext zwischen Hermes und MATe.
Hermes wurde von Wojtek Gardas, Sören Grothkopp, Jenny Klitzke, Johannes Thorn und Christian Oosting unter Betreuung durch Dr. Jörg Cassens entwickelt.
Neues aus dem Technologietransfer: USER

Erfolgreiche Softwaresysteme leben lange und werden von vielen unterschiedlichen Benutzern verwendet. Dies hat eine andauernde Pflege und Weiterentwicklung zur Folge. Immer neue Kundenwünsche, Gesetzeslagen oder optimierte Arbeitsprozesse müssen in das bestehende Softwaresystem integriert werden. Aus softwaretechnischer Sicht bedeutet jede dieser Änderungen ein erneutes Durchlaufen des gesamten Softwareentwicklungsprozesses.
Ein dabei sehr verbreitetes Verfahren ist, die Dokumentation der zu entwickelnden Anforderungen in einem gewöhnlichen Textdokument aufzunehmen. Häufig wird dieses dann als Lasten- bzw. Pflichtenheft bezeichnet. Ein solches Dokument hat den Zweck, alle Änderungen an einem Softwaresystem festzuhalten und als vertragliche Grundlage zu dienen. In größeren Softwareprojekten können sich die vielfältigen Wünsche der unterschiedlichsten Kunden zum Teil überschneiden oder sogar gegenseitig ausschließen.
Ziel des Projektes USER (USability Engineering Repository) ist die Entwicklung einer kollaborativen Requirements-Engineering-Plattform, in der Kunden in allen Phasen der Softwareentwicklung mit einbezogen werden. Methoden des Usability-Engineerings werden mit denen des Software-Engineerings kombiniert. Für die Gewinnung, Dokumentation und Validierung von Anforderungen werden Szenarien und Aufgabenmodelle eingesetzt. Ein durchgängiges semantisch modelliertes Requirements-Engineering-Repository sorgt für eine flexible und bedarfsgerechte Darstellung der erhobenen Informationen. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Lübecker Software- und Beratungshaus MACH AG können die wissenschaftlichen Methoden auf ihre Praxistauglichkeit hin untersucht werden.
Das Werkzeug USER weist folgende Merkmale auf:
- zentrales Verwaltungssystem für alle Anforderungen und Phasen als Projektdokumentation
- Kollaboration zwischen Auftragnehmer und Auftraggeber während des gesamten Entwicklungsprozesses
- Strukturierung von Anforderungen durch Informationsmodelle
- grafische Visualisierung von Aufbau- und Ablauforganisation
- semantische Verknüpfung aller kontextrelevanten Informationen
Wer Interesse hat, sich im Rahmen eines Praktikums oder seiner Bachelor- bzw. Masterarbeit in das Projekt einzubringen, kann sich gerne mit Marc Kammler in Verbindung setzen.
Aktuelle Ausschreibungen für Qualifizierungsarbeiten
PhotoSurface ist eine Multitouch-Applikation, die im Rahmen einer Bachelorarbeit am IMIS entwickelt wurde (siehe Bericht oben). Sie dient Profi- und ambitionierten Hobbyfotografen dazu, große Mengen an Bildern mit Hilfe von Multitouch-Systemen zu sichten, bewerten, sortieren und eine Vorauswahl zu treffen.
Im Rahmen dieser Arbeit soll PhotoSurface in seinem Umfang erweitert werden. Dies beinhaltet die Ergänzung einer Suchfunktion sowie die Weiterentwicklung des Toolbereichs, der Tag-Funktion sowie der Ansicht der Bilder mithilfe externer Peripheriegeräte. Zusätzlich soll eine Anbindung an NEMO (Networked Environment for Multimedia Objects, vorgestellt in Newsletter 2/2010) als Medien-Repository es ermöglichen, Fotos angereichert mit semantischen Informationen zu speichern, um sie so anderen Geräten zur Verfügung zu stellen.
Eine ausführliche, abschließende Evaluation soll Auskunft darüber geben, ob und inwieweit das fertige System einen Mehrwert gegenüber ähnlichen Produkten liefert.
Die Applikation ist in C++ mit dem Qt-Framework geschrieben und soll darauf aufbauend weiterentwickelt werden.
Preisausschreiben

Diesmal verlosen wir ein Exemplar des Lehrbuchs „Soziologie vernetzter Medien“ von Prof. Dr. Andreas Schelske, erschienen im Oldenbourg-Verlag. Die Frage lautet:
Wie lautet der Oberbegriff für digitale Medien, die es ihren Benutzern erlauben, sich untereinander auszutauschen und die Inhalte des Mediums selbst und gemeinsam zu gestalten?
Senden Sie ihre Antwort per E-Mail an die Newsletter-Redaktion. Der erste Einsender der richtigen Antwort erhält den Preis. Einsendeschluss ist der 10. März 2011. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.